Die Teilnahme an der Buxtehuder Stadtmeisterschaft — ein offenes Schnellschachturnier — ist für mehrere Fischbeker Mitglieder mittlerweile Tradition. Der besonders erfreuliche Teil dieser Tradition für den TV Fischbek ist dabei, dass auch jemand vom TV Fischbek den Turniersieg holt.
In den letzten Jahren konnten Carina Brandt, Jürgen de Voogt und ich dieser Tradidion stets treu bleiben. Mal unterstützt von Dirk Thomzik, dieses Jahr von Philip Reichhardt. Auch die Titelverteidigung hat bisher gut geklappt: 2023 und 2025 wurde Jürgen Stadtmeister; 2024 konnte ich den Titel holen. Schön abwechselnd also.
Das Setting der Buxthehuder Stadtmeisterschaft ist für ein Schachturnier luxuriös und einer von mehrere Gründen, warum es echt Spaß macht hier jährlich teilzunehmen. Das Turnier wird in der großen Sporthalle des örtlichen Schützenvereins ausgetragen, die so geräumig ist, dass jedes Brett einen eigenen Tisch hat. Die Verpflegung ist immer gut und auch die Atmosphäre ist stets freundschaftlich und nie verbissen. Echt ein nettes Turnier.
„Schach ist Wintersport“, sagt Andreas Wanke immer, und bei 36°C an diesem Samstag erkenne ich ein Körnchen Wahrheit in dieser Aussage. Die große Schützenvereinshalle war glücklicherweise zu Tagesbeginn noch kühl und hat sich nur langsam aufgeheizt — im Vergleich zum Außenbereich ein Traum. Zum Turnierende hin wurde es jedoch auch drinnen langsam drückend warm. Gut, dass die Turnierleitung entschieden hatte, das Turnier von den sonst üblichen 9 Runden Schnellschach auf 7 Runden zu verkürzen. Wir waren aber trotzdem froh die frisch fertiggestellten TV-Fischbek-Hoodies zuhause gelassen zu haben.
Trotz der Witterungsbedingungen waren von 50 Angemeldeten stolze 44 tatsächlich vor Ort um Schach zu spielen. Auch das zeigt nochmal den Stellenwert dieses Turniers. 12 der 44 Teilnehmenden waren sogenannte „Hobbyspieler:innen“, also Leute die (noch?) nicht im Verein spielen und keine Wertungszahl haben. Die Titel werden dann auch sowohl für die Vereins- als auch für die Hobbyspieler:innen vergeben.
Eine zusätzliche Besonderheit der Buxthehuder Stadtmeisterschaft ist, dass die Startrangliste völlig zufällig ausgelost wird. Sonst wird beim Schweitzer System ja nach Wertungszahl sortiert und dann „Obere Hälfte“ gegen „Untere Hälfte“ für die erste Runde gepaart. Das ist hier anders, und die sofortige Auswirkung war, dass sich direkt in Runde 1 Philip und Jürgen gegenübersaßen. Das war dann glücklicherweise aber auch schon die letzte vereinsinterne Paarung für uns, abgesehen von der letzten Runde.
Insgesamt starteten die Teilnehmenden von Fischbek gut ins Turnier, wenn auch nicht perfekt. Ich selbst konnte mit 3/3 loslegen: alles gegen Mitglieder der SF Buxtehude, und davon in der dritten Runde gegen den Turnierleiter Ralf Schöngart persönlich. (Dass wir beide uns im Turnier begegnen hat auch schon Tradition, aber meistens eher in den späteren Runden.) Alle anderen gaben mindestens halbe Punkte ab. Jürgen, der sich in der ersten Runde gegen Philip durchsetzen konnte, bekam es in Runde 3 mit einem Überraschungstalent zu tun: Deniz Korkmaz, der seit Kurzem Mitglied beim Gastgeber SF Buxtehude ist und bisher überhaupt erst drei Schachturniere gespielt hat.
Jürgen hatte in der Partie schnell eine eher suspekte Stellung, tat aber sein Bestes um noch ordentlich Chaos zu stiften. Mit Jürgen schon in beträchtlicher Zeitnot (Modus: 20min/Partie, kein Inkrement) ergab sich folgende Stellung:

Schwarz am Zug
Bauernstruktur ggf. leicht abweichend
Jürgen folgte hier dem einzigen Möglichen Plan: Rennen. Es kam …e3 fxe3 fxe3, worauf Weiß mit Kf1 vor den Freibauern laufen wollte. Jürgen spielte sofort …Df7+ (was sonst?), nur um nach Ke2 festzustellen, dass das gar kein Matt ist:

Schwarz am Zug
Der weiße König läuft über d3 weg. Sonderlich viele Felder hat der König nicht, aber gerade eben genug. Schwarz kann den König im Kreis um den e-Bauern scheuchen, aber es gibt kein Matt.
Jürgen entschied sich in der Stellung (nach Investition einiger der wenigen verbleibenden Sekunden Bedenkzeit) für …Df2+ Kd3 e2, was e1-Springer-Matt droht. Weiß investierte daraufhin ebenfalls etwas Bedenkzeit und kam zu dem Schluss, dass Schwarz nicht die einzige Seite ist die unterverwandeln kann:

Weiß am Zug
Es kam d7+!?, ein fieser Zug gegen wenig Bedenkzeit. Jürgen spielte …Kf7. (…Kxd7 sieht intuitiv völlig unspielbar aus, geht aber objektiv für Schwarz: nach Dd6+ rennt der König im Kreis um den c7-Läufer, und sobald er auf c6 angekommen ist ist vorbei, weil der eigene Läufer b6 deckt. Viel Spaß das ist der Partie zu spielen.)
Weiß holte sich mit Schach einen Springer: d8S+ („Meine erste Unterverwandlung im Leben“, meinte Deniz hinterher!) …Kg7, das einzige Feld welches kein sofortiges Damenschach erlaubt

Weiß am Zug
Die Springergabel Se6+ nebst Sxd4 würde verlieren, weil Schwarz sich dann einfach eine zweite Dame holt und damit alles deckt. (Se6+ nebst Sxg5 hingegen würde aus völlig irren Gründen gewinnen, die man nichtmal in einer Langzeitpartie jemals finden würde.)
Weiß hielt stattdessen das Tempo hoch und entkorkte Le5+!?, was die siebte Reihe freiräumt für …Lxe5 Db7+. Nach …Kg6 De4+ Kf6 Dxe2 ist der Freibauer abgeräumt.

Schwarz am Zug
Jürgen konnte hier am Ende des Feuerwerks mit …Dd4+ den Springer auf d8 gewinnen. Angesichts von noch etwa 17 Sekunden auf der Uhr für den Rest der Partie sowie den gleich startenden Damenschachs von Weiß bot Jürgen zügig Remis an. Mit der Punkteteilung waren beide hochzufrieden.
Nach dieser beeindruckenden Partie bekam Deniz Korkmaz dann in den folgenden Runden den Fischbeker Spießrutenlauf: In Runde 4 gegen mich, danach gegen Carina. Carina und ich konnten jeweils gewinnen, wobei es bei mir ein hartes Stück Arbeit und zwischendrin auch mal ganz schön wackelig war. Nach Martin Winkelmann, Justus Ibe und Ralf Schöngart in den Runden 1 bis 3 war Deniz Korkmaz für mich nun schon die vierte Person vom SF Buxtehude in Folge — was aber auch irgendwie schön ist zu Gast bei einer Buxthehuder Stadtmeisterschaft.
Nach Runde 4 war erstmal Mittagspause angesagt. Eine gute Gelegenheit sich reichlich kühles Wasser über Arme, Beine und Gesicht zu verteilen. Carina und ich konnten das Fischbeker Team zwar mit Fächern versorgen, aber die Hitze nahm trotzdem unaufhaltsam Einzug in die Halle.
Mein Turnier lief tadellos weiter: In Runde 5 konnte ich wieder gewinnen, und in Runde 6 auch — und zwar gegen Arend Brümmel, noch einen Traditionsgegner: bei der Stadtmeisterschaft 2023 hatte Arend das bemerkenswerte Ergebnis von 6/6 gegen nicht-Fischbeker:innen plus 0/3 gegen Carina, Jürgen und mich. Ganz so extrem war es seitdem nicht mehr, aber manchmal nah dran.
Verfolgt wurde ich von ein zwei Leuten mit 5/6 Punkten, darunter Jürgen, der seit der dritten Runde weitere 2,5/3 eingefahren hatte. In der Feinwertung lag ich 0,5 Buchholzpunkte vor Jürgen (und ein Stück mehr vor der anderen Person). Wir beide wurden denn auch prompt gegeneinander gepaart — das zweite Fischbek-interne Duell in diesem Turnier, „for all the marbles“, wie Peter Svidler sagen würde. Wobei der volle Punkt Vorsprung und leicht bessere Feinwertung hießen, dass ich auch mit einer Niederlage gegen Jürgen noch gute Chancen auf den Titel hätte.
Jürgen und ich lieferten uns ein würdiges Finale in der letzten Runde mit einer spannenden und hoch umkämpften Partie:

Weiß am Zug
Wir haben ungleichfarbige Läufer plus Schwerfiguren, was heißt, dass Königssicherheit und Aktivität wichtiger sind als alles andere. Der Turm auf b2 ist zwar gefangen, kann aber nicht gewonnen werden und sich irgendwann mit …a4 oder …c4 befreien.
Ich stand hier vor der Wahl, ob ich lieber mit 18.Txa7 den a-Bauern einsammeln wollte, was das materielle Gleichgewicht sichert und einen Ablenkungs-Bauern vom Lb3 eliminiert, dafür aber …Td8 nebst …Td2 erlaubt; oder, und das war meine „solide“ Wahl in der Partie, erst 18.Tfd1 zu spielen und den a-Bauern leben zu lassen.
Ersteres wäre besser gewesen, wenn Weiß das Manöver 18.Txa7 Td8 19.Ta4! Td2 20.Dc4! gefunden hätte. Das erzwingt den Damentausch (weil f7 hängt), und zwar so, dass der Turm auf c4 nehmen kann — und eben nicht der Läufer, was den Tb2 befreien würde. Das wäre die saubere Lösung der Stellung gewesen.
Einige Züge später fühlte sich Jürgen dann schon sicher genug in der Einschätzung der Stellung zu seinen Gunsten um einen Damentausch anzubieten:

Stellung nach 24…Db4
Es kam 25.Dxb4? von mir, gefolgt von 26.Td8 um den „besseren“ schwarzen Turm zu tauschen. Dieses Endspiel ist aber viel, viel schlechter für Weiß als ich es eingeschätzt hatte: Weiß kann …c5-c4 nicht wirklich stoppen, was den Turm befreit — und der steht dann plötzlich gar nicht im Abseits, sondern perfekt aktiv auf der zweiten Reihe um f2 anzugreifen.
Das Endspiel erwies sich im weitere Verlauf als unhaltbar, was von Jürgen souverän demonstriert wurde.

Stellung nach 30…f5
Weiß kann nur herumsitzen und zugucken wie Schwarz mit …Kf6, …g5 und irgendwann …c4 anmarschiert kommt. Das schlechte Zeitmanagement meinerseits hat es nicht einfacher gemacht, aber auch objektiv gibt es hier für Weiß wenig Hoffnungen.
Mit diesem stark gespielten Sieg in der letzten Runde hatten Jürgen und ich beide 6/7 Punkte, vor Carina und Arend Brümmel mit jeweils 5,5/7. Carina und Jürgen hatten dabei voraussichtlich die schlechteren Feinwertungen als die jeweils punktgleiche Person, aber das würde erst bei der Verkündung der Titel geklärt werden.
In Buxtehude werden wie eingangs erwähnt nicht nur die Spieler:innen aus Vereinen geehrt, sondern eben auch die Vereinslosen. Der Pokal hierfür ging an Lasse Schodra, der mit 4/7 Punkten in der Gesamtwertung auf dem 17. Platz gelandet war. Herzlichen Glückwunsch!
Außerdem wird noch ein Zufallspreis vergeben: per Los, und der Preis selbst ist auch ein Los. Eine charmante Idee, die alle motiviert bis zum Schluss zu bleiben. Dieses Jahr wurde Maxi Surkus ausgewählt. Viel Glück mit dem Preis!
In der Gesamtwertung konnte ich dank fleißiger Buchholz-Pferdchen meinen Vorsprung in der Feinwertung vor Jürgen verteidigen und den Titel als Buxtehuder Stadtmeister:in (erneut) holen! Jürgen landete somit auf Platz 2. Den dritten Platz erreichte Arend Brümmel mit 5,5/7 vor Carina mit ebenfalls 5,5/7. Das reine Fischbeker Treppchen haben wir also knapp verpasst. Philip lief mit 4,5/7 auf Platz 8 ein. Ein starkes Showing vom TV Fischbek!
Deniz Korkmaz erreichte am Ende übrigens 3/7 Punkte (d.h. 2,5/4 gegen nicht-Fischbeker:innen) und hatte nach mir die zweithöchste Buchholz im Feld. Ich bin gespannt was Deniz‘ fünftes und sechstes Turnier so zeigen werden.
Bevor wir zu den Fotos kommen noch ein großes Dankeschön an die Organisation vom SF Buxtehude! Es hat schon einen Grund warum wir immer gerne zu diesem Turnier kommen (und ich meine nicht das gute Abschneiden, obwohl das natürlich hilft): Die Spielbedingungen und die Atmosphäre sind echt klasse. Hoffen wir, dass es nächstes Jahr weniger heiß wird und wir wieder die vollen 9 Runden spielen können!
Bei der Gelegenheit: Bestplatziert vom gastgebenden Verein SF Buxtehude war Justus Ibe, ein weiteres aufstrebendes Jugendtalent, mit 5/7 Punkten auf Platz 6. Starke Leistung, und ganz uneigennützig vielen Dank an Justus insbesondere dafür, in der letzten Runde einen von Jürgens vorherigen Gegnern besiegt und so meinen Buchholz-Vorsprung mitverteidigt zu haben!
Die gesamte Endtabelle, einen netten Bericht und mehr Fotos (inklusive welcher von Carina und Philip) gibt es auf der Seite der Schachfreunde Buxtehude: zum Bericht und Fotos

Rechts Ralf Schöngart, Haupt der Turnierorganisation von SF Buxtehude

Wir wechseln uns weiter mit dem Titel ab. Gute Nachrichten für Jürgen in 2027?
Im Hintergrund ist Deniz Korkmaz zu sehen.

Die Seite mit den Plätzen 37-44 wurde nicht fotografiert, ist aber beim Bericht der Schachfreunde Buxtehude verfügbar: zum Bericht
